Digitalisierung in der Fertigungsindustrie: Geopolitische Unsicherheiten, steigende Energie- und Rohstoffkosten sowie der zunehmende Fachkräftemangel lassen den Unternehmen dabei kaum eine andere Wahl als ihre Strategien grundlegend zu überdenken. Laut einer Studie des Softwareherstellers Revalize haben 85 Prozent der Fertigungsunternehmen ihre Supply-Chain-Organisation bereits angepasst. Damit allein ist es allerdings nicht getan. Für das kommende Jahr zeichnen sich fünf Trends ab.
Trend 1: Das Vertrauen in Künstliche Intelligenz muss erst wachsen
Künstliche Intelligenz hält derzeit in nahezu alle Bereiche Einzug – von Produktionsprozessen bis hin zu Softwaresystemen. Mittlerweile setzen laut der erwähnten Revalize-Studie bereits knapp mehr als die Hälfte der Fertigungsunternehmen KI für das Management von Lieferketten und Beständen ein. Innerhalb von Product Lifecycle Management -Systemen (PLM) stellt diese Technologie benötigter Informationen sehr schnell bereit und automatisiert zugleich komplexe Workflows.
Allerdings zeigt sich gerade in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch ein spürbarer Widerstand: Mit 29 Prozent liegt die Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz hier deutlich höher als etwa in den USA, wo lediglich 19 Prozent der Unternehmen Vorbehalte äußern. Hinzu kommt eine Kompetenzlücke: 42 Prozent der DACH-Unternehmen beklagen in ihren Teams fehlende Kompetenzen. Experten warnen daher, dass Mitarbeiter die Ergebnisse intelligenter Anwendungen keinesfalls unkritisch übernehmen werden sollten.
Trend 2: Digitaler Produktpass – ab 2027 wird es ernst
Ab 2027 verpflichtet die Europäische Union Hersteller und Zulieferer schrittweise – je nach Branche – dazu, einen digitalen Produktpass bereitzustellen. Diese standardisierte Dokumentation erfasst den gesamten Lebenszyklus, die verwendeten Materialien sowie die Nachhaltigkeitskennzahlen eines Produkts in digitaler Form. Die deutschen Industrieunternehmen sind allerdings laut einer Umfrage des Standardsoftwerkers Forterro bislang darauf nur unzureichend vorbereitet: Lediglich 42 Prozent wissen überhaupt, was der digitale Produktpass konkret umfasst, und rund ein Viertel kann nicht einschätzen, ob das eigene Unternehmen überhaupt bereit ist.
Die größten Hürden für den Mittelstand liegen dabei vor allem in fehlenden Compliance-Ressourcen (42 Prozent), der Komplexität der Anforderungen (42 Prozent) sowie mangelnden Orientierungshilfen (37 Prozent). Dabei wird oft übersehen, dass der digitale Produktpass eng mit PLM-Lösungen (Product Lifecycle Management) verbunden ist. Er erfüllt also nicht nur regulatorische Anforderungen, sondern schafft auch Transparenz gegenüber Kunden. Unternehmen, die ihn strategisch zu nutzen wissen, können sich einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Technisch setzt der digitale Produktpass auf bestehende Systeme auf: Das ERP-System (Enterprise Resource Planning) fungiert dabei sowohl als Datenlieferant als auch als Datenkonsument, stellt Materialinformationen bereit und ermöglicht im Reparaturfall den Zugriff auf die Produkthistorie. Nutzen Unternehmen die Verwaltungsschale (Asset Administration Shell/AAS), um Produktionsdaten wie Stücklisten oder Fertigungsschritte bereitzustellen, gewährleisten sie eine standardisierte und interoperable Datenstruktur.