Wirtschaftlich sind Cloud-Infrastrukturen heute das Rückgrat vieler Geschäftsmodelle. Im öffentlichen Bereich gehören sie zur kritischen Infrastruktur. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Entscheidung für einen Cloud-Anbieter in Unternehmen, Behörden und öffentlichen Einrichtungen häufig über Jahre hinweg nicht mehr hinterfragt wird. Selbst dann nicht, wenn die Kosten aus dem Ruder laufen oder sich die geopolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen grundlegend verändern. Bei Kunden und Interessenten beobachten wir immer wieder Fälle, in denen es sinnvoll oder sogar äußerst empfehlenswert ist, den Cloud-Provider zu wechseln.
In jüngster Zeit mehren sich jedoch im öffentlichen Sektor Europas Beispiele für einen bewussten Ausstieg aus bestehenden Abhängigkeiten: Frankreich setzt bei zentralen Diensten stärker auf souveräne Infrastrukturen, der Internationale Strafgerichtshof wechselt zur Open-Source-Alternative, Schleswig-Holstein und das österreichische Bundesheer lösen sich aus proprietären Ökosystemen.
Aus unserer Erfahrung gibt es sechs typische Gründe, an denen Unternehmen, Behörden und andere Organisationen erkennen, dass sie ihren Cloud-Provider auf den Prüfstand stellen sollten.
1. Digitale Souveränität rückt in den Fokus
Mit zunehmenden geopolitischen Spannungen und Gesetzen wie dem US CLOUD Act ist digitale Souveränität längst kein abstraktes Schlagwort mehr. Unternehmen, die mit sensiblen Daten arbeiten oder langfristige Planungssicherheit brauchen, müssen genau wissen, in welchem Rechtsraum ihr Cloud-Anbieter agiert und wer im Zweifel Zugriff auf Daten haben könnte.
Spätestens wenn die Abhängigkeit von außereuropäischen Providern steigt, sollten Verantwortliche prüfen, ob es notwendig ist, in ein souveränes, europäisches Umfeld zu wechseln. Digitale Souveränität bedeutet dabei nicht nur Datenkontrolle, sondern auch über Alternativen zu proprietären Lösungen zu verfügen.
2. Compliance-Anforderungen werden zur Stolperfalle
Ob Datenschutzverordnung, branchenspezifische Vorgaben oder Zertifizierungen wie IT-relevante ISO-Normen: Viele Unternehmen stehen unter wachsendem Compliance-Druck. Unterstützt der aktuelle Anbieter diese Anforderungen nur unzureichend – etwa durch unklare Datenstandorte, fehlende Transparenz oder mangelnde Nachweisbarkeit – entsteht ein Risiko.
Wir erleben immer wieder, dass Unternehmen erst im Auditprozess merken, dass sie defizitär aufgestellt sind, und sich dann an uns wenden. Ein Anbieterwechsel kann helfen, ein rechtlich belastbares Betriebsmodell zu etablieren und Prüfungsanforderungen zu erfüllen.
3. Cloud-Provider wechseln, wenn Kosten außer Kontrolle geraten
Ein häufiger Auslöser für einen Wechsel sind intransparente Kostenstrukturen. Verbrauchsabhängige Modelle wirken auf den ersten Blick attraktiv, können aber durch Zusatzkosten für Datenverkehr, für Speicherzugriffe oder Lastspitzen schnell zur Blackbox werden. Unternehmen profitieren in solchen Fällen von Modellen mit besserer Planbarkeit.
Im Blick haben sollten die Verantwortlichen daher stets die Total Cost of Ownership: Neben der reinen Infrastruktur zählen auch Betrieb, Monitoring, Support und das benötigte Spezial-Know-how. Wer hier keine Transparenz hat, der zahlt oft deutlich mehr, als nötig wäre.
4. Vendor Lock-in schränkt die Handlungsfähigkeit ein
Proprietäre Plattformen, individuelle Programmschnittstellen oder komplexe Lizenzmodelle werden schnell zum goldenen Käfig. Die Umgebung wirkt zunächst komfortabel, die Funktionen überzeugen – bis Preise steigen, Leistungen angepasst werden oder strategische Änderungen notwendig sind.
Können Unternehmen Änderungen nur noch mit hohem Aufwand oder gar nicht mehr umsetzen, ist das ein klares Warnsignal. Dann sollten sie prüfen, ob ihnen ein Wechsel zu Open-Source-basierten Lösungen langfristig mehr Handlungsspielraum bietet.